Drive Awake · Perspectives · Recht
Ein Prozess ohne messbare Spur. Zehn Jahre danach bleibt die Frage des Falls Quinto offen: Wie beweist man eine Gefahr, die kein Zeichen hinterlässt?
Analyse| 26.09.2026 | Fall Quinto, Rechtsgrundlage und IRM-Studie präzisiert |
Vor zehn Jahren, am 26. Juli, auf der Autobahn A2 bei Quinto, fuhr ein Fahrzeug auf ein stehendes Auto in einer Kolonne auf. Das Gutachten stellte fest, dass der Fahrer an einer schweren obstruktiven Schlafapnoe litt, von der er nichts wusste und die erst danach diagnostiziert wurde. Kein Alkohol, keine absichtliche Ablenkung. Das Verfahren endete mit einem Freispruch, der keine weitergehende Schlussfolgerung zu den Tatsachen zulässt. Die Fakten sind im Fall Quinto zusammengetragen; hier folgen wir nur der Frage, die er offen gelassen hat.
Das Recht beruht auf dem Beweis. Beim Alkohol gibt es einen Wert im Blut; bei der Geschwindigkeit einen aufgezeichneten Wert; bei der Ablenkung oft ein Verbindungsprotokoll. Bei der Schläfrigkeit nicht. Sie hinterlässt keinen Rückstand im Körper, erscheint in keinem Register, lässt sich am Ort nicht messen. Wenn der Unfall geschehen ist, existiert der Beweis, dass der Fahrer schläfrig war, fast immer nicht mehr. Es bleiben Indizien - keine Bremsung, die Uhrzeit, der Ablauf - aber keine Messung.
Das Schweizer Strassenverkehrsrecht legt die Verantwortung vor die Fahrt: Wer nicht fahrfähig ist, auch wegen Schläfrigkeit, darf kein Fahrzeug führen (Art. 31 Abs. 2 SVG und Art. 2 Abs. 1 VRV). Es ist eine Regel der Prävention. Doch der Prozess blickt zurück und versucht festzustellen, was der Fahrer wusste oder hätte wissen müssen. Bei einem nicht diagnostizierten Zustand - einer stillen Apnoe - wird auch diese Grenze unsicher.
Heute beginnt die Forschung, nach einer Spur zu suchen. Eine Studie des IRM Zürich hat im Labor, an 20 Männern, Marker im Speichel identifiziert, die mit akutem Schlafentzug zusammenhängen (DOI 10.1021/acs.jproteome.5c01064): ein Grundsatzbeweis, noch kein Werkzeug für die Strasse. Es ändert den Fall Quinto nicht. Aber es weist eine Richtung: Was keine Spur hinterliess, beginnt vielleicht, eine zu hinterlassen.
Die offene Frage
Ein Test ist nicht dazu da, hinterher zu bestrafen. Er ist dazu da, vorher anzuhalten. Wenn die Schläfrigkeit eines Tages ein Mass hat, dann nicht, um nach dem Unfall einen Schuldigen zu suchen, sondern um das Risiko zu erkennen, solange noch eine Wahl bleibt. Prävention, nicht Strafe: darum geht es bei der Grenze des Beweises.
Fall Quinto: Unfall auf der A2, Schlafapnoe erst nach dem Unfall diagnostiziert. Jahrestag 26. Juli.
Strassenverkehrsgesetz (SVG, RS 741.01), Art. 31.
Speichelstudie IRM Zürich, DOI 10.1021/acs.jproteome.5c01064.
Registrierte Feldstudie (NCT07089342, laut Register im Dezember 2025 abgeschlossen; Ergebnisse noch nicht veröffentlicht).
Wach bleiben, am Steuer und im Leben.