Auf der A2 im Leventina rammte ein Fahrer mit schwerem Schlafapnoe-Syndrom, von dem er nichts wusste, ein stehendes Fahrzeug. Eine ganze Familie starb. Er wurde freigesprochen. Es gab keinen Test. Zehn Jahre später gibt es vielleicht einen.
Am 26. Juli 2016 rammte auf der Autobahn A2 bei Quinto im Leventina ein Lastwagen ein in einer Schlange stehendes Auto von hinten. Eine ganze Familie verlor das Leben. Der Lastwagenfahrer überlebte, schwer verletzt.
Das Kantonale Strafgericht beauftragte das Schlaflabor des Ospedale Regionale di Lugano mit einem medizinischen Gutachten. Das Ergebnis war eindeutig: Der Fahrer litt an schwerem obstruktivem Schlafapnoe-Syndrom, einer Erkrankung, von der er keine Kenntnis hatte. Er wurde freigesprochen. Keine Fahrlässigkeit. Kein Alkohol. Keine Ablenkung.
Schläfrigkeit hinterlässt im Gegensatz zu Alkohol keine Spuren am Unfallort. Sie kann im Nachhinein nicht gemessen werden. Sie kann strafrechtlich nicht verfolgt werden.
Eine Schweizer Autobahn, eine der meistbefahrenen Europas für den internationalen Transitverkehr. Und kein verfügbarer Test, der das Risiko vor dem Unfall hätte erkennen können. Der Fall Quinto hat eine Lücke aufgezeigt, die noch keinen Namen hatte: Schläfrigkeit am Steuer als messbarer Risikofaktor.
Im Juni 2026, wenige Wochen vor dem zehnten Jahrestag, veröffentlichte das Institut für Rechtsmedizin der Universität Zürich (IRM Zürich), wissenschaftlicher Partner von Drive Awake, im Journal of Proteome Research eine wegweisende Studie: Zum ersten Mal ist Schlafentzug biochemisch durch eine Speichelanalyse nachweisbar. Es ist eine erste Laborstudie, die am realen Fahren noch zu validieren ist. DOI: 10.1021/acs.jproteome.5c01064.
Die Frage, die der Fall Quinto offen gelassen hat - wie misst man Schläfrigkeit am Steuer? - könnte endlich eine Antwortrichtung haben.
Drive Awake entstand aus dieser Frage. Nicht um einen bereits freigesprochenen Fahrer erneut zu verurteilen, noch um eine Tragödie in Kommunikation zu verwandeln. Sondern weil der Fall Quinto das Problem, das das Projekt angeht, präzise repräsentiert: eine reale Gefahr, für bestehende Instrumente unsichtbar, die jeden betrifft, der eine Strasse teilt. Die Gefahr ohne Signal.
Quinto ist der Punkt, an dem alle unsere Rubriken und der Dokumentarfilm zusammentreffen.