Drive Awake · Perspectives · Kultur
Für fast jede Gefahr auf der Strasse gibt es ein Schild. Für Schläfrigkeit nicht. Geschichte einer Abwesenheit - und eines Vorschlags.
Beitrag · Vorschlag
Für fast jede Gefahr auf der Strasse gibt es ein Schild: Steinschlag, kreuzende Tiere, Seitenwind, glatte Fahrbahn. Die Beschilderung hat für jede ein Symbol, und sogar eines für "andere Gefahren", jene ohne eigene Figur. Für Schläfrigkeit keines. Dabei gehört sie zu den häufigsten Bedingungen hinter schweren Unfällen und kommt, anders als die übrigen Gefahren, nicht von aussen: Sie kommt aus dem Inneren der fahrenden Person.
Während dieses Symbol auf der Strasse fehlt, kommt im Auto ein Signal an. Die europäische Fahrzeugsicherheitsverordnung macht die Systeme obligatorisch, die warnen, wenn die fahrende Person schläfrig oder abgelenkt ist: die Schläfrigkeitswarnung in neuen Fahrzeugen ab 2024, die Ablenkungswarnung ab 2026 (Verordnung (EU) 2019/2144). Das Auto lernt also, es zu bemerken. Die Strasse ringsum noch nicht. Das Signal entsteht im Innenraum, bevor es auf dem Asphalt ist.
Ein Schild weist auf eine äussere Gefahr hin, da draussen: eine Kurve, ein Erdrutsch, eine Verengung. Schläfrigkeit ist anders, denn sie entsteht in uns, und sie zuzugeben ist ein kleines Tabu. Wenig zu schlafen gilt noch als Verdienst, Durchhalten als Tugend, Anhalten als Schwäche. Man stellt kein Schild für eine Gefahr auf, die wir weiter verleugnen. Die Abwesenheit des Signals ist, bevor sie technisch ist, kulturell.
Es gibt auch einen Grund, der das Recht betrifft. Schläfrigkeit ist vorher nicht sichtbar und hinterlässt nachher keine Spur: kein Wert im Blut, kein Zeichen am Ort. Vor zehn Jahren, auf der A2 bei Quinto, wurde ein Unfall auf eine Schlafapnoe zurückgeführt, von der der Fahrer nichts wusste: ein Fall um eine Gefahr, die niemand zu messen wusste. Die Wissenschaft sucht diese Spur: Eine Studie des IRM Zürich sucht ein Signal der Schläfrigkeit im Speichel (DOI 10.1021/acs.jproteome.5c01064). Es ist das biochemische Signal, das im Körper ankommt, wie das elektronische im Auto ankommt. Zwei Signale unterwegs, und eine Strasse, die noch stumm ist.
Der Vorschlag
Wir massen uns nicht an, die Beschilderung neu zu schreiben: Ein offizielles Schild folgt einem genauen Weg aus Verordnungen und internationalen Übereinkommen und aus Kompetenzen, die nicht die unseren sind. Wir schlagen vor, ein Nachdenken zu eröffnen, mit Leichtigkeit, aber ernst gemeint. Die Fahrkultur - und vielleicht eines Tages die Beschilderung selbst - kann die Schläfrigkeit anerkennen, wie sie andere Gefahren bereits anerkennt. Das leere Dreieck ist die Form der Warnung, noch zu füllen: ein neues Symbol für die einzige Gefahr, die keines hat.
Und während wir darauf warten, dass dieses Signal seinen Platz auf der Strasse findet, haben wir einen ersten Prototyp für die Hosentasche gebaut: das Werkzeug des zirkadianen Signals, das zeigt, wann die Schläfrigkeit stärker zu wiegen droht, bevor man losfährt. Das Signal gibt es auf der Strasse noch nicht. Vorerst haben wir es in die Tasche gesteckt.
Ein Schild bestraft nicht. Es erinnert. Es sucht nicht hinterher einen Schuldigen: Es hilft, vorher anzuhalten. Das ist der Sinn - Prävention, nicht Verfolgung. Einer Gefahr, die bisher ohne Namen blieb, einen Platz in der gemeinsamen Sprache der Strasse geben.
Wach bleiben, am Steuer und im Leben.
EU-Systeme zur Schläfrigkeits- und Ablenkungswarnung: Verordnung (EU) 2019/2144 (DDAW ab 2024, ADDW ab 2026).
Schläfrigkeit und Unfälle: Horne JA, Reyner LA, BMJ 1995 (DOI 10.1136/bmj.310.6979.565).
Speichel-Biomarker der Schläfrigkeit: IRM Zürich (DOI 10.1021/acs.jproteome.5c01064).
Strassenverkehrsgesetz (SVG, RS 741.01), Art. 31 - die Schläfrigkeit wird nicht genannt; sie ist als allgemeine Klausel der Fahruntüchtigkeit erfasst.
Katalog der Schweizer Strassensignale - ein Schild für fast jede Gefahr, keines für die Schläfrigkeit.
Fall Quinto: Unfall auf der A2, nicht diagnostizierte Schlafapnoe. Jahrestag am 26. Juli.