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Sleep Science · Grundlagen

Das offene Fenster macht nicht wach

Fenster runter, Musik laut. Das ist der erste Griff, und er wirkt: Man fühlt sich wacher. Genau das ist das Problem. Im Simulator gaben Fahrende mit Radio nach fünf Stunden Schlaf fast die ganze Fahrt über an, weniger schläfrig zu sein. Von der Spur kamen sie dabei nicht signifikant seltener ab.

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Veröffentlicht: 23.09.2026

Was alle tun

Das Fenster öffnen, die Lüftung auf kalt stellen, die Musik lauter drehen. Reden, wenn jemand mitfährt. Das sind die Handgriffe aller, die je schläfrig gefahren sind, und sie haben eines gemeinsam: Sie wecken die Sinne. Wecken sie auch die Person am Steuer?

Was gemessen wurde

1998 fuhren in Loughborough sechzehn junge Menschen nach fünf Stunden Schlaf zweieinhalb Stunden im Simulator, auf einer eintönigen Strecke, am Nachmittag. Nach einer halben Stunde kam je nach Durchgang kalte Luft ins Gesicht, Radio nach eigener Wahl oder nichts. Reyner & Horne 1998

Mit Radio gaben sie fast die ganze Fahrt über an, weniger schläfrig zu sein. Aber sie kamen nicht signifikant seltener von der Spur ab, und auch die elektrische Aktivität des Gehirns zeigte keinen signifikanten Unterschied. Die kalte Luft wirkte wenig und kurz. Reyner & Horne 1998

2012 wurde der Versuch in Schweden auf einer echten Autobahn wiederholt, bei Tag und bei Nacht, mit zehn Minuten offenem Fenster oder Musik. Das um zwei Zentimeter geöffnete Fenster änderte nichts. Musik senkte die Schläfrigkeit ein wenig, die angegebene und die an der Dauer der Lidschläge gemessene, und nur, solange sie lief. Schwarz et al. 2012

Abbildung 1

Was gemessen wurde

Gespürte SchläfrigkeitZeichen im KörperAbkommen von der SpurDauer
Radio · Simulator, 1998gesenktGehirn: keine Wirkungkein signifikanter Unterschiedfast die ganze Fahrt
Kalte Luft · Simulator, 1998kurz gesenkt, nicht signifikantGehirn: keine Wirkungkein signifikanter Unterschiedkurz
Fenster · Strasse, 2012unverändertLidschläge: unverändertnicht gemessen-
Musik · Strasse, 2012etwas gesenktLidschläge: etwas gesenktnicht gemessennur die zehn Minuten
Das Fenster war zwei Zentimeter offen. Keine der beiden Studien hat ein Gespräch mit Mitfahrenden getestet.

Warum das schlimmer ist als nutzlos

Täten diese Handgriffe nichts, wären sie harmlos. Das Problem ist, wo sie wirken: auf die Schläfrigkeit, die du spürst, also genau auf das, wonach du entscheiden solltest.

Im Simulator hat das Radio genau das getan: Es hat das Gefühl gesenkt, nicht die Aussetzer. Du fühlst dich bereit weiterzufahren, gerade wenn du einen Ort zum Anhalten suchen solltest. Reyner & Horne 1998

Warum man der gespürten Schläfrigkeit trauen kann: Erschöpft oder schläfrig? →

Wofür sie wirklich gut sind

Die Autoren der Studie von 1998 schreiben es deutlich: bestenfalls vorübergehende Notbehelfe, vielleicht genug, um einen geeigneten Ort zum Anhalten zu finden. Dazu sind sie da. Fenster runter und Musik an, bis zum nächsten Rastplatz. Reyner & Horne 1998

Kurz gesagt

Das offene Fenster bringt dich zum nächsten Rastplatz. Dort hältst du an.

Es verändert eher, wie wach du dich fühlst, als wie du fährst, und es wirkt nur, solange es offen ist.

Was wirkt

Anhalten. Ein wenig schlafen. Ein Kaffee. 2006 fuhren auf einer echten Autobahn nachts die meisten jungen Fahrenden nach einem Kaffee oder dreissig Minuten Schlaf wie am Tag. Nach entkoffeiniertem Kaffee nur wenige. Philip et al. 2006

Die Reaktionen waren allerdings sehr verschieden, und nichts davon ersetzt den Schlaf. Das Einzige, was Schlaf ersetzt, ist Schlaf. Philip et al. 2006

Abbildung 2

Wer nachts wie am Tag fuhr

Kaffee75 %
Dreissig Minuten Schlaf66 %
Entkoffeiniert13 %
Echte Autobahn, zwischen 2 und 3.30 Uhr. Zwölf junge Männer. «Wie am Tag» heisst null oder ein Abkommen von der Spur.

Was wir wissen, und was noch nicht

Wir wissen

  • Kalte Luft, offenes Fenster und Musik haben keine Wirkung auf die Schläfrigkeit oder nur eine kleine, solange sie andauern.
  • Im Simulator senkte das Radio die angegebene Schläfrigkeit, ohne signifikanten Unterschied beim Abkommen von der Spur.
  • Auf der Strasse fuhren nachts die meisten jungen Fahrenden nach einem Kaffee oder einem kurzen Schlaf fast wieder wie am Tag.

Wir wissen noch nicht

  • Es sind wenige, kleine Studien: sechzehn Fahrende im Simulator, sechzehn auf der Strasse, zwölf in der Kaffeestudie, fast alle jung.
  • Ob mehr Luft, kältere Luft oder andere Musik das Ergebnis ändern würden. Auf der Strasse war das Fenster zwei Zentimeter offen, und wir haben keine Studien auf echten Strassen gefunden, die das beantworten.
  • Mit der Person reden, die mitfährt, einer der häufigsten Handgriffe. Keine dieser Studien hat es getestet.

Quellen

  1. Reyner LA, Horne JA. Evaluation of "in-car" countermeasures to sleepiness: cold air and radio. Sleep 1998;21(1):46-50. DOI 10.1093/sleep/21.1.46 · Simulator
  2. Schwarz JFA, Ingre M, Fors C, Anund A, Kecklund G, Taillard J, Philip P, Åkerstedt T. In-car countermeasures open window and music revisited on the real road: popular but hardly effective against driver sleepiness. Journal of Sleep Research 2012;21(5):595-599. DOI 10.1111/j.1365-2869.2012.01009.x · reale Strasse
  3. Philip P, Taillard J, Moore N, Delord S, Valtat C, Sagaspe P, Bioulac B. The effects of coffee and napping on nighttime highway driving: a randomized trial. Annals of Internal Medicine 2006;144(11):785-791. DOI 10.7326/0003-4819-144-11-200606060-00004 · reale Strasse

Wach bleiben, am Steuer und im Leben.

Davor: Erschöpft oder schläfrig? →Zu Sleep Science →
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