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Erschöpft oder schläfrig?

«Ich bin kaputt.» Das sagen wir vor einer langen Fahrt, und es sagt fast nichts. Auf einer französischen Autobahn kamen nach einer kurzen Nacht jene häufiger von der Spur ab, die sich schläfriger fühlten. Wer sich erschöpfter fühlte, nicht. Zwei Zustände, die wir verwechseln, und nur einer kündigt den Fehler an.

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Veröffentlicht: 23.09.2026

Zwei Zustände, ein Wort

Wir sagen «ich bin kaputt», wenn wir schläfrig sind, und auch, wenn wir am Ende sind. Ein Wort für zwei Dinge. Und doch sind es zwei verschiedene Zustände.

Erschöpft sein ist die Schwere nach einer Anstrengung: Man will aufhören, sich hinsetzen. Schläfrig sein ist der Schlaf, der kommt: schwere Augen, ein nickender Kopf, Momente, die entgleiten. Das Erste sagt, dass du gearbeitet hast. Das Zweite sagt, dass du gleich einschläfst.

2005 fuhren in Bordeaux zweiundzwanzig junge Männer tausend Kilometer Autobahn, einmal nach einer normalen und einmal nach einer kurzen Nacht. Vor jeder Etappe gaben sie zwei Werte an: wie schläfrig sie sich fühlten und wie erschöpft. Philip et al. 2005

Nach der kurzen Nacht galt: Je höher der Wert für Schläfrigkeit, desto häufiger kamen sie in der nächsten Etappe von der Spur ab. Der Wert für Erschöpfung hing nicht damit zusammen, wie oft sie von der Spur abkamen, weder nach der kurzen noch nach der normalen Nacht. Philip et al. 2005

Abbildung 1

Welcher Wert den Fehler ankündigt

Wert für Schläfrigkeit1,9 (1,4-2,4)
Wert für Erschöpfung0,95 (0,93-0,98)
0,5123
1 · kein Zusammenhang
← weniger Spurverlassenmehr Spurverlassen →
Nach der kurzen Nacht, 22 junge Männer auf der Autobahn. Die Zahl sagt, wie stark das Abkommen von der Spur zunimmt, wenn der Wert steigt: 1 heisst, es nimmt nicht zu. Nach der normalen Nacht sagte keiner der beiden Werte es voraus.

Die Schläfrigkeit, die du spürst, sagt die Wahrheit

Das ist die gute Nachricht. In einem Fahrsimulator in Loughborough fuhren Menschen, die wenig geschlafen hatten, zwei Stunden auf einer eintönigen Strecke. Niemand schlief ein, ohne vorher eine lange Phase wachsender Schläfrigkeit zu durchlaufen. Und wer einschlief, hatte es kommen gespürt. Reyner & Horne 1998

Eine Übersichtsarbeit über viele Studien kommt zum selben Schluss. Wenn Menschen auf der Karolinska-Skala von eins bis neun angeben, wie schläfrig sie sind, ist das so verlässlich wie eine Messung mit Geräten. Über sechs wird das Fahren schlechter. Åkerstedt et al. 2014

Das gilt nicht nur mit zwanzig. 2023 fuhren an der Monash University in Australien Menschen zwischen 50 und 65 nach einer Nacht ohne Schlaf zwei Stunden auf einer abgesperrten Strecke. Auch sie spürten die Schläfrigkeit kommen, und ihr Wert auf der Karolinska-Skala kündigte ihre Fahrprobleme an. Aber bei ihnen sagten die Fragebögen die Probleme weniger gut voraus als bei den Jüngeren. Cai et al. 2023

Der Fehler liegt im Deuten

Wenn das Signal verlässlich ist, warum fährt man trotzdem weiter? In der Studie aus Loughborough kamen die schweren Aussetzer, als die Fahrenden schon gegen den Schlaf kämpften. Und manche verstanden nicht, dass so starke Schläfrigkeit das Einschlafen sehr wahrscheinlich macht. Reyner & Horne 1998

Sie spürten sie und deuteten sie falsch. Sie behandelten Schläfrigkeit als Unannehmlichkeit, die man durchsteht. Es ist der Schlaf, der sich ankündigt.

Wenn das Signal leiser wird

Es gibt zwei Fälle, in denen das Gefühl nicht mehr reicht. Beide sind häufig.

Nach mehreren kurzen Nächten. Im Labor der University of Pennsylvania schliefen Erwachsene zwei Wochen lang sechs Stunden oder weniger. Ihre Leistungseinbussen entsprachen bis zu zwei ganzen Nächten ohne Schlaf. Die angegebene Schläfrigkeit stieg in den ersten Tagen, danach kaum noch. Laut den Autoren merkten sie die wachsenden Defizite nicht. Van Dongen et al. 2003

Wenn die Situation sie überdeckt. Reden, Bewegung und Tageslicht senken die angegebene Schläfrigkeit um ein bis zwei Punkte von neun. Eintönigkeit hebt sie um ebenso viel. Was du beim Plaudern an der Raststätte nicht gespürt hast, kann zurückkommen, sobald die Strasse gerade und ruhig wird. Åkerstedt et al. 2014

Abbildung 2

Die Skala und die Situation

über 6: schlechteres Fahren
123456789Beispiel
wacherschläfriger
Der Ausgangspunkt ist ein Beispiel. Die Verschiebungen und die Schwelle stammen aus der Übersichtsarbeit zur Karolinska-Skala.

In diesen Fällen: Schau, was du tust

Nach mehreren kurzen Nächten oder direkt nach etwas, das dich auf Trab gehalten hat, fällt die Antwort auf «Bin ich schläfrig?» vielleicht zu leise aus. Dann braucht es eine zweite Prüfung: auf das, was du tust, statt auf das, was du fühlst.

Mach etwas Einfaches, das du auswendig kannst, und schau, wie du es machst. Hektik, wo du sonst ruhig bist, doppelt gelesene Zeilen, der verlorene Faden, kleine Fehler, die dir sonst nie passieren.

Das ist kein Test, und es kann dir nicht sagen, dass du fahrtüchtig bist. Aber eine Abweichung vom Gewohnten ist ein Hinweis, und er zeigt in dieselbe Richtung wie die Frage. Im Zweifel: Halt an.

Die Frage

Vor dem Fahren gibt es eine Frage: Bin ich schläfrig?

Wenn die Antwort ja ist, glaub ihr. Nach mehreren kurzen Nächten oder wenn du gerade sehr aktiv warst, zählt ein Nein weniger.

Warum ein offenes Fenster die Antwort nicht ändert: Das offene Fenster macht nicht wach →

Was wir wissen, und was noch nicht

Wir wissen

  • Der Wert für Schläfrigkeit sagt das Abkommen von der Spur voraus, der Wert für Erschöpfung nicht. Auf einer echten Autobahn, nach einer kurzen Nacht.
  • Am Steuer schläft man erst nach einer Phase wachsender Schläfrigkeit ein, und man spürt sie.
  • Die angegebene Schläfrigkeit ist so verlässlich wie Messungen mit Geräten, aber die Situation verschiebt sie um ein bis zwei Punkte.
  • Auch zwischen 50 und 65 spürt man die Schläfrigkeit kommen, aber die Fragebögen erfassen sie weniger gut.
  • Nach mehreren kurzen Nächten bleibt das Gefühl stehen, während die Defizite weiter wachsen.

Wir wissen noch nicht

  • Wie weit das für alle gilt. Die Studien betreffen vor allem junge Erwachsene, die Autobahnstudie nur junge Männer, und für 50- bis 65-Jährige gibt es eine einzige Studie, auf einer Teststrecke. Frauen, Berufsfahrerinnen und Berufsfahrer, Menschen über 65 und Menschen mit Schlafstörungen sind weniger untersucht.
  • Warum Menschen so verschieden auf dieselbe kurze Nacht reagieren. Die Autoren der Autobahnstudie weisen darauf hin.
  • Ob es das Verhalten am Steuer ändert, wenn man den Unterschied zwischen erschöpft und schläfrig kennt. Auf der Strasse hat das noch niemand geprüft.
  • Eine Grenze bleibt: Die Frage stellst nur du, über dich, jetzt. Niemand sonst kann sie überprüfen. Deshalb braucht es objektive Messungen der Schläfrigkeit, wie den Speichel-Biomarker, den das IRM Zürich untersucht.

Quellen

Zu den Wörtern

Drive Awake sagt immer «Schläfrigkeit». Alltagswörter wie «kaputt» stehen hier nur so, wie man sie sagt, in Anführungszeichen, weil gerade sie die beiden Zustände vermischen. Die Studie aus Bordeaux nennt «fatigue», was diese Seite Erschöpfung nennt.

  1. Philip P, Sagaspe P, Moore N, Taillard J, Charles A, Guilleminault C, Bioulac B. Fatigue, sleep restriction and driving performance. Accident Analysis & Prevention 2005;37(3):473-478. DOI 10.1016/j.aap.2004.07.007 · reale Strasse
  2. Reyner LA, Horne JA. Falling asleep whilst driving: are drivers aware of prior sleepiness? International Journal of Legal Medicine 1998;111(3):120-123. DOI 10.1007/s004140050131 · Simulator
  3. Åkerstedt T, Anund A, Axelsson J, Kecklund G. Subjective sleepiness is a sensitive indicator of insufficient sleep and impaired waking function. Journal of Sleep Research 2014;23(3):240-252. DOI 10.1111/jsr.12158 · Übersichtsarbeit
  4. Van Dongen HPA, Maislin G, Mullington JM, Dinges DF. The cumulative cost of additional wakefulness: dose-response effects on neurobehavioral functions and sleep physiology from chronic sleep restriction and total sleep deprivation. Sleep 2003;26(2):117-126. DOI 10.1093/sleep/26.2.117 · Labor
  5. Cai AWT, Manousakis JE, Singh B, Francis-Pester E, Kuo J, Jeppe KJ, Rajaratnam SMW, Lenné MG, Howard ME, Anderson C. Subjective awareness of sleepiness while driving in younger and older adults. Journal of Sleep Research 2024;33(1):e13933, online 2023. DOI 10.1111/jsr.13933 · abgesperrte Strecke

Wach bleiben, am Steuer und im Leben.

Danach: Das offene Fenster macht nicht wach →Zu Sleep Science →
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